Warum ich jage?

Ich bin „Spätberufene“ denn ich habe erst mit 46 Jahren den Jagdschein gemacht. Allerdings war ich mit knapp 20 Jahren bereits passionierte Anglerin und bin mit der Fliegenrute auf Forellen- und Lachspirsch gegangen. 10 Kilometer zu Fuß an einem normalen Angelsamstag im Sauerland an einem Bach entlang, waren keine Seltenheit. Auch in diesen jungen Jahren habe ich mich bereits wie ein Jäger in der Natur bewegt, es war mir nur noch nicht so klar bewusst wie heute. Leise, umsichtig, auf alles achtend und alles wahrnehmend: Den Ruf des Grünspechts, den Eisvogel auf der Jagd nach kleinen Fischchen, Rehe weiter unten am Bachrand schöpfend, mal ein vorwitziges Eichhörnchen oder einen Fuchs oder Dachs, boxende Hasen und auf Mäusesuche die Wiesen abklappernde Bussarde. Im herbstlichen Nebel am Gewässerrand stehen und einen Hirsch brunftig röhren hören, das hat mich auch zu der Zeit schon fasziniert. Ein Fotoapparat war damals wie heute immer dabei, denn auch die Jagd mit der Kamera hatte immer für mich eine riesige Faszination.

All das hat bereits vor über 30 Jahren mein Leben bestimmt. Ich konnte und kann mir ein Leben ohne in der Natur zu sein, nicht vorstellen. Die monatelangen Vorbereitungen auf die Jägerprüfung und das Lösen meines ersten Drei-Jahres-Jagdscheins waren eigentlich nur noch eine weitere, fast zwangsläufige Entwicklung in meinem immer schon von Natur und Tieren dominierten Leben.

Im Verlauf der Jahre bin ich nie irgendwo mit Ablehnung der Jagd oder gar Jagdhass konfrontiert worden. Grade die ländliche Bevölkerung hatte immer eine tiefe Verbindung und instinktives Verständnis für Jagd und Jäger und wenn ich im Revier war, ergaben sich oft nette Gespräche mit Spaziergängern und Bauern.

Dies hat sich in den letzten zwei Jahren gewandelt. Ich werde schon mal angepampt als Katzenkiller und Hundequäler, „Jäger-sind-Mörder“-Sprüche durfte ich mir auch schon anhören und Ansitzeinrichtungen wurden in Nacht- und Nebelaktionen beschädigt oder sogar zerstört.
Vor diesem Wandel der Jägerwahrnehmung stehe ich einigermaßen fassungslos. Wie kommt das, was hat das ausgelöst?

Schlägt man eine fast x-beliebige Zeitung auf, springen einen die Schlagzeilen an:

  • Jäger erschießt Hund an der Leine 5 Meter vor seinem Herrchen auf dem Radweg!
  • Jäger erschießen jede Hauskatze.
  • Jäger ballern auf alles was sich bewegt.
  • Man kann nicht mehr im Wald spazieren gehen, ohne dass einem die Kugeln um die Ohren fliegen.
  • Jäger können nicht zielen und schießen 90% der Tiere nur an, die sich dann tagelang mit heraushängenden Gedärmen schreiend durch den Wald quälen und keiner sucht sie nach.
  • Jäger sind ständig besoffen, auf jedem Hochsitz liegen 20 Jägermeisterflaschen.
  • Jäger sind alte fette Lodensäcke, halb blind und taub und kommen nur noch mit Hilfe von genauso besoffenen Jagdkumpanen auf die Kanzel.

 

Warum und wieso wird sowas über Jagd und Jäger behauptet? Man hat das Gefühl, dass niemand uns Jäger und die Jagd wirklich kennt, wenn solche Märchen verbreitet werden. Natürlich gibt es bei Jägern, wie im gesamten Querschnitt der Bevölkerung, auch Deppen und Besserwisser, Menschen, die meinen, ihre eigenen Gesetze machen zu können und über gutes Benehmen erhaben zu sein. Aber das darf doch nicht von ALLEN Jägern behauptet werden! Ich jage auch, um diese Vorurteile zu widerlegen, um ein gutes Beispiel zu zeigen, um Jagd wieder dahin zu rücken, wo sie immer war und hingehört. Als selbstverständlicher Teil des ländlichen Lebens und als Kulturgut, was die Menschheit von Anfang an bis heute begleitet hat.
Wir werden reduziert auf den winzigen Moment, in dem der Finger den Abzug betätigt. Mehr sehen bestimmte Menschen nicht in der Jagd und verkünden das auch lauthals. Sie wissen allerdings nicht, dass Jäger – neben der Jagd – z.B. auch Nistkästen aufhängen für Singvögel, Fledermäuse und Hornissen, dass Jäger Biotope anlegen, Feuchtbereiche, in denen seltene Pflanzen gedeihen und vom Aussterben bedrohte Amphibien und Kleintiere überleben, dass Jäger Hecken und Äsungsflächen für Wild schaffen, die landwirtschaftlich nicht bearbeitet werden und die unglaublich vielen kleinen, gar nicht jagdbaren Tieren, eine Zuflucht bieten vor Ackergeräten und Fressfeinden. Jägern wird immer unterstellt, sie hätten nur Interesse an jagdbarem Wild. Warum machen also Jäger sowas, warum schaffen sie Nischen und Rückzugsräume für Tiere, von denen sie gar keinen „Nutzen“ haben?
Wenn man wirklich Jäger ist, braucht man das, ist es selbstverständlich so zu handeln. Nur eine intakte Umwelt, nur Feld und Wald mit Artenvielfalt – neudeutsch auch gern „Biodiversität“ genannt – mit jeder Menge Tierarten ist das, was wir uns als Gesamtbild Natur wünschen.
Und darum jage ich – auch. Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist, oder vielleicht sogar wieder besser wird. Ich möchte, dass meine Enkelkinder noch sehen können, wie Hasen spielen, Rebhuhnketten laufen, Rehe gemächlich äsend über eine Wiese streifen, und dass sie noch hören können, wie Kuckuck und Käuzchen rufen und Füchse bellen.

Allerdings kann ich auch nicht verleugnen, dass mir Fleisch vom selbst erlegten Reh auf dem Teller besser schmeckt als gekauftes Schweinefleisch vom Discounter. Jagd bietet die Möglichkeit, das beste und nachhaltigste Lebensmittel Fleisch in genau der Menge, die man benötigt, schonend aus der Natur zu entnehmen, sofort zu verarbeiten und mit der Familie oder Freunden zu genießen.

Die Natur braucht ein gewisses Maß Jagd, damit sie so bleibt, wie sie ist.

Darum jage ich!

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