Seine erste Lederhose hatte der Jäger geerbt. Sein Vater hatte sie fertigen lassen als, lange bevor sein Sohn geboren wurde. Dreißig Jahre hatte die Hose bereits Jahr für Jahr ausgehalten. Die Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, Verstärkungen an Gesäß und Knien, dunkle Flecken, ein ungleichmäßig, seidiger Glanz, die Arbeits- und Jagdeinsätze waren unübersehbar. Der Jäger nutzte die Hose immer noch gerne, weich gegerbt, lautlos, mit vielen nützlichen Taschen, schützte sie zuverlässig gegen Dornen, Wind und Wetter.

Trotzdem sollte eine Neue her. Hirschledern sollte sie sein, im Naturfarbton und mit einem zeitlosen Schnitt, eine Hose für „Gut“, für Feierlichkeiten und besondere Gelegenheiten.
Zwei Hirschhäute waren nötig um alle Bestandteile der gewünschten Hose herzustellen, so die Information der Näherei.
Die erste Haut hatte der Jäger bereits vor vier Jahren zum Gerber gegeben und nach der Fertigstellung sicher verwahrt. Anfang September diesen Jahres hatte er eine junge Rothirschkuh erlegt, diese Haut sollte den noch fehlenden Teil der Hose ersetzen.

Nach dem Abziehen der Haut hatte der Jäger sie von allen Seiten dick eingesalzen, das Industriesalz konnte er schon vorher günstig in der Gerberei erstehen. Diese Vorkonservierung entzieht der Haut viel Feuchtigkeit und schützt für wenige Tage vor dem Beginn der Zersetzung. Die gerbereiAm darauf folgenden Wochenanfang brachte er die Haut in die Gerberei.
Das uralte Gerberhandwerk stirbt langsam aus, die Gerberei am Wohnort des Jägers ist eine von deutschlandweit vielleicht fünfzig verbliebenen Betrieben in denen noch von Hand gegerbt wird.

In der Gerberei wird die Haut nachgesalzen und kühl gelagert, zur optimalen Auslastung seiner Gerätschaften benötigt der Gerber mehrere Häute zur gleichzeitigen Bearbeitung.weichen
In der sogenannten Wasserwerkstatt werden die Häute zunächst von Salz und Verunreinigungen befreit, gleichzeitig wird die Hautfeuchte, der Quellzustand, wieder hergestellt. Mit Kalk- und Schwefelverbindungen entfernt der Gerber danach die Haare.

Mit dem Rundmesser werden dann die verbliebenen Gewebereste entfernt, das Entfleischen ist ein Vorgang höchster Präzision, denn das eigentliche Leder darf nicht verletzt werden.
RundmesserUm eine gleichmäßige Stärke des Leders zu erzielen wird es nun gespalten.
Übrigens gibt es auch in derb Gerberei wenig Abfallprodukte, aus den aufgefangenen Bestandteilen stellt man z.B. Leime oder Velourleder her.

Die Vorarbeiten sind nun abgeschlossen, jetzt wird das Leder auf die eigentliche Gerbung vorbereitet. Beize und Pickel nennt der Gerber die Vorgänge, in denen das Leder erst aufnahmefähig gemacht wird und dann in Säurebädern auf die Gerbung eingestellt wird.
Die Haut des Jägers soll später widerstandsfähig, weich und waschbar sein, bei diesem speziellen Verfahren setzt der Gerber fetthaltige Stoffe ein (Tran, Fischöl oder Talg) , es nennt sich „sämische Gerbung“.
Der folgende Arbeitsgang neutralisiert die Restsäure im Leder, ist das geschehen spannt der Gerber das Leder zum Trocknen auf.das fertige Leder
Nach erfolgter Trocknung kommt die Qualitätskontrolle, anschließend folgt das Färbebad und die erneute Trocknung. In großen Walkmaschinen erreicht der Gerber die endgültige Weichheit des Leders.
Nach sechzehn Arbeitsschritten und vier Wochen Wartezeit kann der Jäger nun das fertige Produkt abholen und zu seinem Schneider bringen. Wahrscheinlich wird noch sein Sohn diese Hose erben und tragen können. Leder ist nach wie vor eines der natürlichsten und haltbarsten Materialien für Kleidung, zudem ist es ein natürlich nachwachsender Rohstoff.

Danke an die Gerberei Butzke in 25548 Kellinghusen für die freundliche Unterstützung.

Copyright Stefan Habermann, Autor für FJD,
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