Wer kennt sie nicht, die amüsante Geschichte vom Schiffskapitän und dem Leuchtturmwärter? Der Kapitän als oberster Befehlshaber eines riesigen Flugzeugträgers glaubt ein anderes Schiff vor sich zu haben. Welches das auch immer sein mag, es kann nur kleiner und unbedeutender sein als das eigene. Darum hat es ganz einfach zu weichen, aus dem Weg zu gehen! Es handelt sich aber um kein anderes Schiff, sondern das Festland, das vor dem Kriegsschiff liegt, und das Licht ist keine Positionslampe eines Fischerbootes, sondern das Leuchtfeuer eines Leuchtturms. Bis dessen Wärter sich verständlich gemacht hat, ist es zu spät. Das riesige Schiff kann nicht mehr gebremst werden, rammt die Felsen und zerschellt.

Unternehmensberater benutzen die Story gerne, um Unternehmenslenkern eindrucksvoll zu erklären, wie wichtig die „Perception“, die Wahrnehmung, ist. Nur was man als das wahrnimmt, was es tatsächlich ist, kann einen zu den richtigen Handlungen und Maßnahmen bewegen. Eine falsche Wahrnehmung kann für einen Unternehmer Umsatz- oder Gewinnverluste zur Folge haben, oder irgendwann sogar den Verlust und Untergang seines gesamten Unternehmens.

Ein SEK-Beamter, der im Einsatz in einen Raum eindringt, muss in Sekundenbruchteilen die Realität wahrnehmen, so wie sie ist, und sein Handeln entscheiden. Davon hängt das Leben anderer Menschen, aber auch sein eigenes ab. Eine Geisel, die er fälschlicherweise für einen Geiselnehmer hält, würde durch ihn sein Leben verlieren. Eine zweite Geisel, die er nicht gesehen hat, müsste sterben, weil er den Geiselnehmer nicht rechtzeitig ausgeschaltet hat.

Jeder von uns hängt mit seinem Wohlergehen und eventuell seiner Existenz davon ab, ob er die Realität so erkennt wie sie ist. Wir alle, das heißt jeder Einzelne hat täglich zu entscheiden, wie er auf das reagiert, was er zu sehen glaubt. Die für ein Unternehmen arbeiten, hängen persönlich vom Schicksal ihres Arbeitgebers ab, können es aber nur bedingt beeinflussen. Wir leben in einem Staat und müssen uns, ob wir es wollen oder nicht, der „Perception“ unserer Regierenden und dem, was sie daraus machen, unterwerfen.

Ob die „Energiewende“ uns in eine gute Zukunft oder in das wirtschaftliche Abseits und ins Chaos führt, wird die Zukunft zeigen. Ob die positiv oder negativ sein wird, hängt von der Qualität der Entscheidungen der Verantwortlichen ab, und die Entscheidungen wiederum davon – wie könnte es anders sein – ob und wie die Entscheidungsträger die Gegebenheiten und Voraussetzungen erkannt haben.

Ich will nicht in die große Politik schweifen. Bleiben wir doch bei der kleinen, der, in der wir uns bestens auskennen. Nordrhein-Westfalen steht vor dem weit geöffneten Tor zu einem „ökologischen Jagdgesetz“. Wenn es denn verabschiedet sein wird, wie wird sich danach der ländliche Raum entwickeln, wie werden wir Menschen in ihm leben (können), was wird sich verändern, was wird besser und was wird schlechter sein?
Zum Glück und Gott sei Dank können wir nicht in die Zukunft sehen. Aber wir können die Frage nach der Wahrnehmung stellen, auf deren Basis die verantwortlichen Politiker ihre Gesetzesentwürfe zu Papier gebracht haben.

Zu oft haben in der Vergangenheit Regierende vom Zeitgeist gesprochen, von der Veränderung der Gesellschaft, von ihren Bedürfnissen, Sorgen, Ängsten und Nöten. Diesem Zeitgeist wollen Minister und Politiker nun nach eigenem Bekunden mit dem neuen Jagdgesetz folgen. Jeder Führer einer noch so kleinen Gruppe – in welchem Bereich unseres Lebens auch immer – ist gut beraten, sich eigene Gedanken zu machen und nicht einem falschen Verständnis von Demokratie folgend das zu tun, was die in der Gruppe vorherrschende Meinung von ihm verlangt. Seine Entscheidung sollte er aufgrund eigener Überlegungen treffen, dafür ist er bestimmt, und schließlich trägt er die Verantwortung für die Richtigkeit seiner Entscheidung. Wenn sie falsch ist, sollte er nachher nicht sagen, die Gruppe hätte es so gewollt.

In Sachen Jagdgesetz könnte sich die Politik gleich in zweifacher Hinsicht in einer Wahrnehmungsfalle befinden.
Denn es geht ja nicht nur darum, ob die „Zeitgeister“ die richtige Wahrnehmung besitzen, sondern ob die Regierenden die richtige Wahrnehmung von dem haben, was sie für den Zeitgeist halten.

Gibt es Geisteshaltungen, die eine falsche Wahrnehmung begünstigen können? Wie der Kapitän zeigt, sind seine Überheblichkeit und die Arroganz der Macht die Verführer, die Umwelt anders zu sehen als sie wirklich ist – mit fatalen Folgen. Wer glaubt, alles besser zu wissen und zu können als andere, schaut nicht mehr so genau hin. Ideologische Eiferer sehen die Dinge lieber so, wie sie sie sehen möchten als so wie sie wirklich sind.
In Deutschland leben 75 % der Einwohner in Städten. Wer möchte sagen, dass sie mehrheitlich eine Nähe zur Natur und den „natürlichen“ Vorgängen in ihr besitzen? Gibt es nicht Menschen, die glauben, eine Kuh sei lilafarben, und dass für vakuumverpacktes Fleisch im Supermarkt keine Tiere sterben müssen? Aber soweit brauchen wir gar nicht zu gehen. Es genügt und ist schlimm genug, wenn es Menschen gibt, die glauben, sie könnten und müssten die Natur nach ihren Vorstellungen auf eine „unnatürliche“ Weise verändern, um sie zu retten. Beispielsweise indem sie ihre Hunde vegan ernähren. Indem sie ihre Tiere vermenschlichen. Tiere sind keine Menschen, und sie funktionieren nicht nach menschlichen Mechanismen und Maßstäben. Ein Reiter könnte in Lebensgefahr geraten, wenn er von seinem Pferd „das gleiche Denken und Handeln“ erwarten würde wie von sich selbst. Ein Pferd gerät vor Dingen in Panik, die der Reiter aufgrund seines Verstandes als vollkommen ungefährlich und belanglos erkennt.

Ein Gefährdungspotential für einen Verlust an Realität geht auch von dem Streben nach Geld und Macht aus. Wer Spendengelder erbittet, wer auf der Jagd nach Auflagen und Quoten ist, wer einen Posten bekommen oder ihn behalten möchte, kann schnell vom richtigen Weg abkommen. Um langfristige Entwicklungen und um Wahrheiten geht es dann unter Umständen nur an zweiter Stelle.

Manche Menschen haben sich von der Natur deshalb entfremdet, weil sie selbst nicht mehr natürlich leben. Sie müssen sich nicht sorgen um Kälte und Hunger, der Strom kommt aus der Steckdose, das Geld vom Konto und die Wärme aus der Heizung. Uns allen geht es viel zu gut. Das ist in Ordnung und soll gerne so bleiben. Nur, die von der Natur Entfremdeten sollten nicht versuchen, die Welt nach ihrem Bild neu erfinden zu wollen. Natur geht anders. Natur ist anders.

Andererseits gibt es Menschen, die sich ihre Nähe zur Natur bewahrt haben. Wer wollte nun zählen und sagen, wie viele die einen und wie viele die anderen sind? Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie viele auf der einen oder der anderen Seite stehen. Es kommt darauf an, wer von ihnen die richtige Wahrnehmung der Realität hat.
Vor langer Zeit gab es mal einen Zeitgeist, der die „freie Liebe“ als die allein akzeptable Lebensform pries. Die der Lehre nicht folgten, wurden als Ewiggestrige und Langweiler diffamiert. Lange Zeit später stellten sich ehemalige Verfechter der Theorie in Talk-Shows auf und sagten lapidar dahin, das Ziel der „freien Liebe“ sei ein Fehler gewesen. Sie verloren kein Wort darüber, was sie anderen Menschen angetan hatten, nämlich denjenigen, die so nicht leben wollten, aber mit einem festen Partner. Auch damals war es so, dass einige wenige die Realität aus den Augen verloren hatten. Sie hatten vergessen oder es von Anfang an nie gewusst, wie Menschen funktionieren. Sie gaben sich selbst den Anschein der Moderne, des Fortschritts, der Zukunft und beanspruchten, dass nur sie über die Wahrheit und richtige Erkenntnis verfügten, woraus sie schlossen, dass alle anderen sich ihrem Denken und Handeln anzuschließen hätten.

Für die Jüngeren gebe ich ein anderes Beispiel. Hören oder lesen Sie doch mal, was ein hochrangiger Grünen-Politiker auf dem Hamburger Parteitag vor wenigen Wochen über die Gründerjahre der Grünen und die Pädophilie gesagt hat. Die damalige Haltung der Grünen zu dem Thema sei ein Fehler gewesen. Wieder habe ich kein Wort darüber vernommen, was man wie vielen Kindern in all den Jahren angetan hat? Es war halt ein Fehler. Dann habe ich die Luft angehalten. Denn ich hörte etwas aus dem Munde eines führenden Politikers, das sich anhörte wie, man sei damals eben dem Zeitgeist gefolgt…

Sogenannte Meinungsumfragen einerseits, und andererseits die Medien, die diese transportieren, spielen eine wenig rühmliche Rolle, wann immer es um emotional besetzte Themen wie die Jagd (oder auch den Waffenbesitz) geht. Die Zahl der Hunde und Katzen in Deutschland ist so eminent groß, dass sich eine gigantische Tierfutterindustrie etabliert hat. Haustiere werden in den Menschenstand erhoben, und oft sind ihre Besitzer bereit, für das Futter ihrer Tiere einen höheren Preis zu bezahlen als für das Fleisch, das sie selbst essen. Nicht selten müssen Haustiere fehlende menschliche Beziehungen und Kontakte ersetzen.
Wenn man einen Katzenbesitzer fragt, ob er es richtig findet, dass seine Katze von einem Jäger totgeschossen werden darf, was wird er wohl antworten?

Man hätte ihn auch fragen können, ob er es richtig findet, dass seine frei und unbeaufsichtigt herumstreunende Katze Singvögel und andere Tiere tötet. Man bekommt die Antworten, nach denen man gefragt hat. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung. Betrachtet man nur seine eigene kleine Welt, sein Haus, seinen Garten, seine Katzen und Hunde, oder hat man auch ein Auge auf das große Ganze?

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand sein Haustier beschützt. Wer aber denkt, der Tierschutz beginne und ende zugleich bei der eigenen Katze und dem eigenen Hund, der Schutz von Tieren beschränke sich auf Haustiere generell, der muss sich nach seiner Wahrnehmung fragen lassen. Wer einem Jäger vorwirft, er könne keine Tiere schützen, er könne sich nicht Tierschützer nennen, weil er Tiere töte, dessen Wahrnehmung begrenzt sich auf einen Teil der Tierwelt. Tierschutz ist nicht teilbar. Tierschutz muss für alle Tiere gelten. Das beinhaltet, dass man eine wildernde Katze töten kann, um Vögel vor ihr zu schützen. Es beinhaltet aber genau so, dass Menschen eine andere Katze im Tierheim pflegen. Oder bei sich zu Hause. Das können sogar dieselben Menschen sein. Jäger besitzen auch Hunde und Katzen. Sie lieben ihre Haustiere nicht weniger als Menschen, die keine Jäger sind. Es gibt Menschen, die sich für den Schutz von Wölfen einsetzen. Von denen wissen wir, dass sie andere Tiere töten und zwar auf eine, aus menschlicher Sicht, sehr grausame Weise. Wenn dieselben Menschen einem Jäger das Recht absprechen wollen, das eine Tier zu töten, um andere Tiere zu schützen, ist in den Köpfen etwas Wesentliches durcheinander geraten. Der individuelle Schutz von Haustieren ist begrüßenswert, der Schutz einer Art aber auch.

Individualschutz und Artenschutz können sich nicht nur ergänzen, sondern müssen es.

Wenn jemand beides auseinander dividieren möchte, kommen wir wieder zur Frage der Wahrnehmung und zum Kapitän des Schiffes. Ist das Licht vor uns das eines Bootes oder ist es das Festland, das vor uns liegt? Wenn es das Festland ist, dann läuft unser Schiff auf Grund.

Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Wurden die Menschen zuerst hysterisch, wenn es um Tierschutz geht, oder waren zuerst die Medien hysterisch und haben ihre Kunden hysterisch gemacht? Niemand kann das heute noch nachvollziehen. Aber es ist eine Tatsache, dass sich eine Spirale aus Ereignissen und medialen Darstellungen in Gang gesetzt hat, die immer neue Blüten treibt, und die mit dem gesunden Menschenverstand nicht mehr zu verstehen ist.

Natürlich ist jeder gegen Massentierhaltung eingestellt. Die gibt es aber nur deshalb, weil Menschen das Fleisch aus Massentierhaltung kaufen. Täten sie es nicht, gäbe es keine Massentierhaltung. Der Widerspruch beginnt an der eigenen Haustür. Wer blickt über seinen Tellerrand hinaus und fragt, ob ohne Massentierhaltung alle Menschen auf dieser Erde ernährt werden könnten oder ob – zusätzlich zu denen, die trotz Massentierhaltung verhungern – Menschen sterben müssten, wenn man die Massentierhaltung einstellen würde?
Hört mein Denken an der Grenze meines Umfeldes auf, oder berücksichtige ich, dass die Welt größer ist als mein Mikrokosmos?

Diese Frage berührt die Rücksichtslosigkeit dieser Gesellschaft. Viel zu viele in unserem Land verhalten sich wie der Kapitän auf dem Flugzeugträger. „Leben und leben lassen“ ist nicht mehr angesagt, die anderen müssen weichen, sich unterordnen, sonst werden sie gerammt.

So mag die Frage erlaubt sein, ob der Zeitgeist wirklich so beschaffen ist, wie die Menschen im Umweltministerium NRW es glauben? Und wenn er so wäre, wie sie denken, er aber aufgrund einer falschen Wahrnehmung der „Zeitgeister“ entstanden sein sollte, ist es dann klug und richtig, dem vermeintlichen Zeitgeist nachrennend das „ökologische Jagdgesetz“ zu verabschieden?

Was wird das Gesetz aus unserer Natur und unseren Tieren, aus Artenschutz und Artenvielfalt machen?
Was wird es mit den Menschen machen, die auch heute noch in der Natur und mit der Natur und von der Natur leben?

Was werden Politiker in zehn Jahren sagen? Das „ökologische Jagdgesetz“ sei ein Fehler gewesen, aber man sei eben dem Zeitgeist gefolgt? Wird man dann wieder nicht darüber sprechen, welchen Schaden man angerichtet hat?

 

Detlef Riechert, Autor für FJD

Bild: r.lopatitsch / pixelio.de

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