In letzter Zeit habe ich mich immer öfter gefragt, wie viel Prozent ich mit der eigentlichen Schussabgabe auf ein Stück Wild im Vergleich zur anderweitig jagdlich genutzten Zeit verbringe. Nach Anwendung verschiedenster mathematischer Rechnungen kam ich auf kaum mehr als ein Prozent. Haben Sie sich darüber auch schon einmal Gedanken gemacht?

Jetzt ist natürlich die Frage, wann „anderweitig jagdlich genutzte Zeit“ anfängt. Ist es der bloße Gedanke an den morgigen Ansitz und die fragenden Überlegungen, ob man sich für den richtigen Hochsitz entschieden hat, ist es das erhöhte Interesse an historischen Filmen und Veranstaltungen, bei denen sich alles rund um die ersten Jagereien der Menschheit dreht oder kann man es gar nicht abgrenzen, da der eine oder andere von uns irgendwie, irgendwo immer etwas mit der Jagd zu tun hat, und sei es nur die Sehnsucht nach den frischen Buchenblättern, die knarrende dritte Sprosse am Lieblingshochsitz oder die balzenden Fasanen auf den Wiesen. Eine schwierige Frage, die sich wohl jeder nur selbst beantworten kann.

Ich für meinen Teil kann es kaum abgrenzen, schon wenn ich mich in meiner Wohnung umgucke. Trophäen, die Geschichten erzählen, Bilder von Jagdreisen und wundervollen Naturaufnahmen, Abwurfstangen als seltene Accessoires auf der Fensterbank, aber vor allem sechs treue, freche und liebevolle Augen, die bei jedem Jagdabenteuer dabei sind.

Wofür werden wir also nun nahezu täglich von den selbst ernannten Tier- und Naturschützern verurteilt? Dafür, dass wir Hunden ein liebevolles Zuhause geben, sie ausbilden und fördern? Dass wir Müll aus unseren Revieren schaffen, den oft genau die Menschen dort hinterlassen haben, die mit dem Finger auf uns zeigen? Dass wir Wildtiere, und damit meine ich jegliche, nicht nur die, die dem Jagdrecht unterliegen, aufziehen und ihnen ein Zuhause geben? Dass wir Hecken anpflanzen, damit das übrig gebliebene Niederwild noch ein wenig Deckung findet? Dass wir dem Wild in Notzeiten Futter anbieten? Dass wir mit Kindern und Erwachsenen in den Wald gehen und ihnen die Natur näher bringen? Dass wir die Bauern vor Schaden bewahren? Die Tiere vor Seuchen? Dass wir Nistkästen bauen und Wildäcker anlegen? Dass wir nachhaltiges und gesundes Fleisch essen? Dass wir Bodenbrüter und Co. vor einer Überzahl von Raubwild bewahren?

Nein, dafür werden wir nicht verurteilt, sondern für diesen einen Schuss, der uns bestes Fleisch liefert, einem Hasen das Leben erleichtert, einen Fuchs von seinen juckenden Qualen erlöst. Für dieses Tun werden wir verurteilt, beschimpft und in eine Ecke zusammen mit Mördern und Perversen gestellt. Wir werden verurteilt, weil wir in der Lage sind, einen tödlichen Schuss abzugeben, dabei müssten wir eigentlich dafür respektiert werden. Immer wieder treffe ich auf Gesprächspartner, die Lamm, Kalb und Schwein essen. Auf die Frage hin, ob sie mal bei einer Schlachtung eines wenige Wochen alten Lammes dabei sein wollen, werde ich fassungslos angeguckt – immer. Das könnten sie nicht mit ansehen, Tränen würden fließen und auf die Frage, ob sie es denn selber machen könnten, wurde ich schon einige Male mit Blicken getötet. So muss sich also meine Mutter gefühlt haben, als sie mir den Besuch beim Unterstufenball in der 6. Klasse verboten hatte. Diese Diskussionen sind meist die gewinnbringendsten, denn Fazit ist: Ich möchte Fleisch essen, daher töte ich. Mein Diskussionspartner möchte auch Fleisch essen, aber er lässt dafür töten. Was ist wohl moralisch verwerflicher?

Haben Sie mal überlegt, wie viele Stunden Sie auf dem Hochsitz gesessen und nur beobachtet oder gehofft haben? Wie viele Stunden dabei wirklich Beute gemacht wurde? Verschwindend wenig, oder? Wie oft hat wohl ein ausgedehnter Abendansitz eine Ehe gerettet (oder beendet), eine geniale Jobidee hervorgebracht, die ersten Überlegungen für einen Spontanurlaub gezündet oder schlechte Stimmung verfliegen lassen hat? Ich bin froh um diese Stunden. Gerade gestern drehten sich meine Gedanken um die traurige Tatsache, wie schnell doch alles vorbei sein kann und was wirklich wichtig ist im Leben, während mein Kinn auf der rauen Holzkante einer wahrhaftig luxuriösen Schlafkanzel lag und ich dem Schattenspiel des Mondes zuschaute. Immer wenn eine Wolke das Licht dämmte, standen mindestens drei Sauen auf dem Acker vor mir, dann kämpfte sich die Schweinesonne wieder nach vorne und der Platz war leer geräumt. Zu schön, wie ich jedes Mal nach meinem Fernglas griff, um nur noch einmal GANZ sicher zu sein, dass es sich nicht doch möglicherweise um ein Borstentier handelte. Wer, außer der Natur und ihren Gehilfen könnte mir solche Streiche spielen, mir so den Puls bis zum Hals schlagen lassen, wenn das Knacken trockener Äste lauter wird und mich gleichzeitig so beruhigen, nur durch das Zuschauen einer Bachkurve und deren verschwindend kleinen Bewohner? Keiner! Schon Disney’s Pocahontas sang in einem ihrer Lieder: „Kannst Du malen wie das Farbenspiel des Winds?“

Was ich sagen möchte, lassen Sie sich nicht auf das reduzieren, was nur einen minimalen Prozentanteil der Jagd ausmacht. Seien Sie stolz auf das, was sie tun, wenn dem so ist. Wir alle wissen selbst am besten, wann wir einen Fehlabschuss getätigt oder sogar eine lange Nachsuche produziert haben. Da braucht es niemanden, der mit dem Finger auf uns zeigt, damit wir schlaflose Stunden und ein schlechtes Gewissen haben. Doch, wie hat mein lieber Freund Bernd, nach meinem ersten krankgeschossenen Reh, zu mir gesagt: Du kannst Dir nicht ewig Vorwürfe machen. Die vielleicht 10 Prozent, die Du in Deinem Jägerleben krankgeschossen haben wirst, sind schlimm und traurig, aber gegen all die Tiere, die nur wenige Monate in Mastställen leben und nie das Tageslicht zu Gesicht bekommen, eine Prozentzahl, die wir in Kauf nehmen MÜSSEN, um vernünftiges und gesundes Fleisch essen zu können.

Zeigen Sie der Bevölkerung was sie machen, listen und hängen Sie es in Ihrem Revier auf. Und vor allem: Sprechen Sie mit den Leuten. Fragen Sie, wie Tiere auf dem Teller landen, ob sie Müll sammeln, Nistkästen bauen oder Wildacker auf eigene Kosten anlegen würden. Verunfallte und noch lebende Tiere von der Straße oder aus Kühlergrillen holen würden. Seien sie freundlich, verständnisvoll aber deutlich in dem, was Sie sagen. Das Bild der Jägerschaft können nur Sie alleine verbessern, denn wenn Sie es nicht machen – wer dann?

Alena Steinbachs Foto.
(c) Alena Steinbach / WIR JAGEN

Kommentare

3 Kommentare auf "Warum wir jagen – 99 Dinge für nur einen Schuss"

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Dirk Nörenberg
Gast
Danke Alena, leider wollen die selbsternannten Tierschützer sowas gar nicht lesen und auch nicht hören… Wir Jäger sind Mörder und das Fleisch im Aldi-Regal wird in der “ Styroporschale mit Folie darüber“ geboren. Der Verzehr von Fleisch soll nicht mit dem Töten von Tieren in Verbindung gebracht werden…. cool Die Menschen werden verblödet und wollen das auch nicht ändern. Ich erlebe grade die Verlogenheit dieser Individuen, nur um uns zu schaden, an meiner eigenen Person. „Was ich nicht kann und auch nicht brauch, verbiete ich allen anderen auch“ Viele verstehen nicht was wir alles tun, aber verstehen kommt ja auch… weiter lesen »
van Dage
Gast

Guten Tag, ihr Anliegen, der Jagd ein besseres Image zu verpassen, ist gut. Daher eine Empfehlung: nehmen Sie doch ein Bild als Aufmacher, das eine zeitgemäße Jagd symbolisiert. Ihres zeigt nämlich das Gegenteil: neben einer häßlichen Kanzel steht ein Mülleimer (!) mit Mais für die Kirrung und am Waldboden eine einzige kümmerliche Buche, weil der Rest vermutlich von den hohen Schalenwildbeständen gefressen wurde. Nur so als Tipp..
Freundliche Grüße

Axel Seidemann
Gast

bei 10 % Fehlschüssen vom Ansitz, solltet Ihr vielleicht nochmal auf den Schießstand gehen…

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