Lange hat es gedauert und nun möchte ich meine Geschichte erzählen, Mein Name ist Heiko, ich bin 36 Jahre alt, Single und lebe in der Nähe von Neuss. Mein Begleiter ist Sparky, ein Border Collie.

Tiere, speziell Hunde habe ich schon immer geliebt, die bedingungslose Treue und Zuneigung dieser Tiere haben mein Leben mit genau den Emotionen bereichert die mir von meinen Mitmenschen {von Frauen um genau zu sein) meist vorenthalten wurden. Ganz unschuldig war ich daran nicht, als Student der nichtwusste in welche Richtung sein Leben sich entwickeln sollte, der wenig Wert auf sein Äußeres oder seine Erscheinung legte war ich das klassische Beispiel eines öko-Gerds – und die sind nun mal meistens einsam.

Wie ich drauf war? Ich war grün, links und irgendwie gegen den Staat von dem ich andererseits gerne profitiert habe. Ich war gegen Kapitalismus und Ausbeutung, obwohl mir genau solche Ausbeuterjobs es ermöglicht haben mein Studium durchzuziehen und natürlich war ich gegen Tierquälerei, Massentierhaltung und ich fand Veganismus gut, was mich nicht daran hinderte, zu McD. oder Pizzahut zu gehen, ohne das an die große Glocke zu hängen.

Das Phänomen der *Teilzeit-Veganer“ sollte mir in Zukunft noch oft begegnen und heute schätze ich den Anteil der „echten“ Veganer, also jene die sich kasteien und den inneren Schweinehund bezwungen haben innerhalb der Szene auf 10% – eher weniger.

Aus dieser Situation aus Sinnsuche, Einsamkeit und Neid auf die, denen es vermeintlich besser ging als mir heraus, nahm mich ein Kommilitone im Jahr 2004 mit zur Ortsgruppe einer bekannten Naturschutzorga.
Der Hauptgrund dort mitzumachen war übrigens das Versprechen des Studienkumpels, dass ich dort einfacher als sonst wo Frauen kennenlernen könnte. Zunächst fand ich die Diskussionsrunden und Infoabende nicht schlecht, man kam unter Menschen und verfolgte gleiche Ziele. Der Themenbereich Tierschutz und Tierrechte erschien mir optimal_ Ob es nun um Shelterhunde aus Spanien und Rumänien ging, um Zirkustiere, um Jagdproblematik, Massentierhaltung oder Hilfsprojekte für Gnadenhöfe, nirgendwo kann man sich mit weniger Fachwissen besser profilieren als im Tierschutz. Ein paar krasse Sprüche oder Forenkommentare oder ein selbstentworfener Tierrechts-Flyer und der Applaus der Gruppenmitglieder war mir sicher.

Mir wurde aber schnell klar, dass ich auch noch nie so viele egomanische und mit Psychosen behaftete Menschen getroffen habe wie dort. Schwätzer. aggressive Weltverbesserer, seltsame Freaks und esoterisch angehauchte Ökofrauen so untervögelt dass es zum fremdschämen war. Viele der aktiven Tierschützer waren familiär gescheitert und ausgegrenzt. Einige waren auch sozial und finanziell hinten von der Kante gefallen und so entwickelte sich innerhalb dieser Gruppe eine unausgesprochene Kastenbildung, nämlich jene die einen Job hatten und auch mit dem eigenen Fahrzeug zu Demos oder Aktionen fahren konnten und die anderen, die aufgrund chronischer Geldnot zum Mitläufertum verurteilt waren.

Eine soziale Störung war uns jedoch allen gleich: Wir konnten über die Rettung vermeintlich schutzloser Tiere nicht nur die eigenen Probleme kompensieren bzw. völlig verdrängen sondern wir fühlten uns in unserem Kampf als eine Art ethische Elite die den dummen, gewöhnlichen Tierausbeutern moralisch und intellektuell haushoch überlegen waren. Ein schöne Sache, sich plötzlich so wichtig zu fühlen und moralisch unangreifbar.

Das Thema Jagd war mein Steckenpferd denn einmal hat ein Jäger mich von hinten angehupt, weil ich beim Gassi gehen mit Sparky den Feldweg blockiert hatte, damit war mein Feindbild festgelegt und deckte sich mit dem der anderen Mitglieder unserer Gruppe. Daher stand ich auch der schleichenden Radikalisierung eher aufgeschlossen gegenüber. Die ganzen wirkungslosen Aktionen sofern sie überhaupt über das Planungsstadium hinausreichten, die Infostände und peinlichen Mahnwachen mit wenigen Aktiven sorgten innerhalb unserer inzwischen gegründeten Anti-Jagd-Gruppe für Frustration.

Würde ich heute sagen müssen, welcher Eindruck mir aus der Zeit als Tierrechtskämpfer geblieben wäre, so würde ich die unendlichen Diskussionen nennen. Die sich im Kreis drehenden Gespräche, das Gelabere und Geschwalle von dem außer frommen Wünschen und wertlosen Absichtsbekundungen nichts geblieben.
Der Entschluss, direkte Aktionen vor Ort durchzuführen war getroffen. Als Vorbild dienten uns englische Jagdsaboteure, Aktivisten der A.L.F. und die Filme der VGT. Es wurde sogar ernsthaft erwogen, einen von uns den Jagdschein machen zu lassen um ihn als ,,Schläfer« in den feindlichen Reihen einzuschleusen.
Es erforderte -man ahnt es schon- wiederum endlose Diskussionsrunden um festzustellen, dass es unmöglich sein würde den Geldbetrag für eine Jagdschule zusammen zu bekommen.

Mein „Plan B“ wurde daher von der Gruppe bevorzugt. Ich wollte mich als Treiber auf eine Jagd einschleichen um das verhasste Jägervolk zu infiltrieren und von innen heraus zu sabotieren, Wir planten nicht nur Foto- und Filmaufnahmen von betrunkenen Jägern und angeschossenen Tieren zu machen, sondern die Jagd durch das Verstreuen von Haaren, urinieren und Knallkörper aktiv zu stören.

Der Kontakt zu einem Freund außerhalb Mönchengladbachs war schnell hergestellt und es war genau ein Telefongespräch mit dem Jagdleiter nötig um als Mitglied einer Treiberwehr verpflichtet zu werden. Wir waren wie beseelt durch den Gedanken Aktivisten einer wirklich wichtigen Sache zu sein und überzeugt, mit dieser Aktion das Ende der Jagd eingeläutet zu haben. Die Bewunderung, die mir von den anderen Mitgliedernunserer Gruppe entgegengebracht wurde fühlte sich super an.

Irgendwann war jener Samstag im November da, und ich traf mich viel früher, als ich sonst aufgestanden wäre mit den anderen Treibern an einem Gerätehaus der Waldarbeiter. Während ich mich noch gewundert habe das so viele junge Typen (und 2 Frauen) als Treiber mitmachen kam der Jagdleiter an, begrüßte uns und packte aus dem Auto zuerst einmal ein zünftiges Frühstück aus, etwas womit ich nicht gerechnet hatte. Von Wurstsemmeln, Butterbrezeln bis zu warmen Leberkäse und Kuchen war alles vorhanden. Dazu Kaffee, Tee, Wasser und Cola, nur die Schnapsflaschen die ich eigentlich als Beweis fotografieren wollte habe ich nirgends gesehen.

Nach und nach trafen die Jäger ein. Während ich fette, arrogante Triebmörder erwartete, stiegen aus den Fahrzeugen erschreckend normale Männer und Frauen jeden Alters aus, ohne dass einer seine Waffe präsentiert hätte. Das einzig Auffallende war die Freundlichkeit untereinander und auch wir Treiber wurden per Handschlag begrüßt. Nach einer Ansprache des Jagdleiters wurden wir auf einem Traktor-Anhänger zu unserem Einsatzort gefahren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits mit 2 anderen Treibern richtig gut verquatscht und mehrfach kurz vergessen zu welcher Mission ich eigentlich angetreten war.

Rückblickend betrachtet hat mich die ehrliche Freundlichkeit und das Gefühl der Kameradschaft an diesem Morgen richtig überwältigt obwohl- oder gerade weil ich etwas völlig anderes erwartet hatte.

Zum Ablauf der Jagd gibt es nicht viel zu sagen; es wurde viel geschossen und viele Tiere lagen dann auf dem Streckenplatz. Das Ausweiden des geschossenen Wildes habe ich mir nicht angesehen und ich habe mich auch nicht getraut es zu fotografieren. Aus einiger Entfernung betrachtet wurde das sehr schnell und pragmatisch durchgeführt. Obwohl ich das nie selbst machen könnte bin ich heute der Meinung, dass das der Preis dafür ist das wir Fleisch als Nahrungsmittel nutzen können.

Ich höre schon das Geheule bei diesem Satz: Nein, kein Mensch braucht Fleisch, go Veggie, schau dir Earthlings an, usw. usw. Wie gesagt, ich habe mehr Veganer Currywurst und Diner fressen sehen als sich Außenstehende das vorstellen können.

In den Landgasthof in dem das sog. Schüsseltreiben stattfand, wurden wir eingeladen, Essen und Getränke kosteten mich keinen Cent, mehr noch: Der Jagdleiter kam an unseren Tisch um jeden von uns dasTreibergeld zu überreichen, ein Betrag der vorher von den Jägern einbezahlt- und dann unter den Treibern aufgeteilt wurde.
Die Tatsache, dass ich in Ermangelung eines eigenen Autos am Morgen mit dem Bus zur Jagd gekommen war, ist den anderen bei der Verabschiedung wohl aufgefallen und schneller als ich eine Ausrede finden konnte saßich im Auto des Treiberkollegen der mich nach Hause fuhr.

Ich hatte also an diesem Samstag neue Leute kennengelernt die mich an einem Tag mehr bereichert haben als meine Tierrechts ,,,Freunde“ in einem Jahr, habe gut gegessen und getrunken, habe Menschen getroffen die anpacken statt Probleme tot zu quatschen und für alles auch noch knapp 30 EUR in der Tasche. Niemals hatte ich weniger Lust in die Antijagdgruppe zurückzukehren als in diesem Moment.

Diese »innere Kündigung‘ war auch der Anfang vorn Ende, das spärliche Bildmaterial ohne besonderen Propagandanutzen und meine halbherzige Beschreibung des Jagdtages sorgte sofort für Unmut und Kritik, mir wurde sogar offen Verrat vorgeworfen. Seltsam, die gleichen Tierrechtler die ihre »Sache“ ohne Herz und Mumm vertreten hatten, zeigten plötzlich ungeahnte Energie und Rückgrat, als es darum ging mich aus der Gruppe zu mobben.

Gott sei Dank möchte ich heute feststellen, denn ein Anruf am gleichen Abend von Kevin, dem Treiber der mich nach Hause gefahren hatte und der nachfragte ob ich denn am übernächsten Wochenende Zeit und Lust hätte als Treiber mitzugehen machte mir meine Entscheidung leicht, die Gruppe der ,,Tierfreunde, die in Wahrheit Menschenhasser sind“ zu verlassen. Bereut habe ich diesen Schritt nicht eine Sekunde. Sicher werde ich niemals den Jagdschein machen, weil ich kein Tier bewusst töten könnte, aber ich werde niemals mehr in den Kreis von kaputten Freaks zurückkehren, die Tierrechte als Alibi verwenden, um Hass, Neid und Komplexe zu verbreiten.

Heiko Neuss im Januar 2015

Zuerst veröffentlicht von Myth Hunter

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