Jäger sind Mörder?
Die nichts anderes machen, als auf alles zu schießen, was sich bewegt?
Heute Vormittag, 19.Mai, gegen 10:30 klingelte mein Telefon. Anruf der netten Schwester eines Großbauern, der bei uns im Revier eine riesige Fläche (zwischen 30 und 40 ha) Grünland zum Werben von Gras-Silage gepachtet hat.

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„Heute Abend nach 18:00 Uhr wird bei Ihnen gemäht.“

Ah ja, knapp 6 Stunden Zeit, was zu organisieren und zu machen. Gut, sämtliche Tagesplanungen auf der Stelle über den Haufen werfend, hängte ich mich ans Telefon, um den Mitjägern Bescheid zu geben. Ende von Lied: Alle waren beruflich so eingespannt und teilweise auch am anderen Ende der Republik, dass sie nicht, beim besten Willen gar nicht, kommen konnten. Und einer, der gekonnt hätte, ist aktuell krank und ans Haus gefesselt.

Also eine Aufgabe für zwei Jäger und einen Hund…..

Wir sprangen in alte Klamotten und schnappten uns die in weiser Vorahnung schon seit Wochen bereitstehenden Elektrozaunpfähle aus Metall, an denen oben Lappen aus alten Handtüchern und je einen Meter rot-weißes Flatterband angedrahtet sind.

jsm2Diese Zaunpfähle haben wir schon einige Jahre in Gebrauch, auch nach 10 Monaten Nichtbenutzung stinken die noch zum Umfallen. Genau…… sie stinken, denn wir wollten die Wiesen „verstänkern“. Mit einem erprobten chemischen Mittel, das wie hochkonzentrierter Menschenschweiß riecht und Rehe, Hirsche und Wildschweine schnellstens flüchten lässt. Ricken holen ihre Kitze umgehen aus Flächen raus, wo es so stinkt.
Also los, die Pinne, das flüssige Konzentrat, doppelt dicke Handschuhe, Jacken und Hosen aus leicht waschbarem Material und eine Schutzbrille für die Augen waren mit im Auto. Der Hund musste daheim bleiben, selbst für einen abgehärteten Jagdhund wären die Duftwolken aus dem Kofferraum zu viel gewesen.
Vor Ort angekommen nahmen wir beiden unsere Utensilien und zogen los. Die bevorzugten Stellen, wo Ricken am liebsten setzen und später ihre Kitze auch ablegen, sind bekannt. Sie liegen mitten in der Fläche an einem durchgehenden Drainagegraben. Durch diesen Graben können die Ricken bei hohem Gras ungesehen zu ihren Kitzen gelangen.
Da ein kräftiger Wind wehte, haben wir die Pinne ca. 20 m gegen den Wind vor den Graben gestellt.

jsm3Somit war der Grabenbereich und die dahinter liegende Hälfte der Fläche geruchlich gut „abgedeckt“. Den vor den Pinnen liegenden kleineren Teil der Wiese wollten wir vor dem Mähen mit dem Hund noch durchgehen. In diese Fläche steckten wir Metallpinne mit Flattertüten, die sich im Wind blähen. Danach sind wir fix nach Hause gefahren, um den Ricken Zeit zu geben, ihre Kinder aus der unwirtlich gewordenen Wiese herauszuholen.
Nachmittags, kurz nach 17:00 Uhr der Anruf eines Anliegers: „Die fangen jetzt mit dem Mähen an“…..
Mal wieder hatte der Landwirt an alles gedacht, aber nicht an uns Jäger und war einfach eine Stunde früher angefangen mit der Arbeit.

Also nochmal ein Alarmstart von daheim, dieses Mal war auch der Hund mit von der Partie, denn wir wollten ja noch den unverstänkerten Teil der Wiese absuchen. Im Revier angekommen, mussten wir feststellen, dass der Mäherfahrer schon einen kleinen Teil der Wiese umgelegt hatte, der Mäher stand still und eine kleine Figur lief in der Ferne durch das lange Gras und rupfte die Verstänkerungspinne raus. Gut, damit war uns Arbeit erspart und wir hatten Zeit gewonnen. Der Fahrer hatte alle Pinne eingesammelt und auf dem Mäher deponiert. Auf meine Frage, ob er vorsichtig damit umgegangen sei und den Stoff nicht angepackt hätte, kam ein verwundertes „Wieso?? Die riechen ein wenig streng, ich wasche mir gleich die Hände.“ Leise grinsend zogen wir los, Kitze suchen. Dieser Geruch würde den Fahrer noch tagelang begleiten, dagegen kann man nicht waschen :-D.

Der Hund suchte brav quer vor uns, konzentriert und angespannt, die Menschen hinterher, immer den Blick ins lange Gras, ob nicht irgendwo eine Henne auf Eiern hocken würde, oder ein Kitz sich in ein hohes Grasbüschel eingeschoben hätte. Der Mäher war hinter uns und holte auf, vielleicht noch 100 Meter, bald würden wir ausweichen und ihn passieren lassen müssen. Plötzlich machte mein Terrier einen zwei-Meter-Satz und stand wie ein Löwe im dichten Gras über einem Kitz, was sich flach auf den Boden duckte und sich nicht rührte. Schnell den Hund abgenommen, hastig jede Menge langes Gras ausgerupft und damit vorsichtig das Kitz seitlich genommen und hochgehoben.
Mit weit ausgestreckten Armen das Kitz weit von mir weg haltend, damit ich es auch nicht mit meiner Kleidung berührte, rannte ich zum Graben und weiter in den schon gemähten Bereich. Dort ließ ich das Kitz herunter und es lief um sein Leben quer über die Fläche, in Richtung der nächsten Wiese, die noch länger nicht gemäht werden soll, denn der Besitzer wird Heu machen. Im hohen Gras angekommen, hörten wir es laut und dringend nach der Ricke rufen. Keine Zeit, zu beobachten, ob sie kommen würde.
Nachdem der Mäher uns passiert hatte, suchten wir weiter, die ungemähte Restfläche war noch riesig…..

Kurz darauf nahm mein Mitjäger den abgekämpften Hund auf den Arm, denn das Gras war lang und der Hund klein 🙂 Wir gingen weiter, aufmerksam und ständig den Blick nach unten.
Plötzlich vor mir ein wildes Gewusel im Gras und wie von Taranteln gestochen flitzte ein Hase über meine Füße und raus aus dem langen Gras. Mit wild wippender weißer Blume am Hinterteil nahm er den gleichen Kurs wie vorher das Kitz und verschwand im langen Gras. Wieder ein Leben gerettet. Und weiter gehts.

Der Mäher hatte seine Runde fast vollendet und war schon wieder hinter uns, als mein Mitjäger plötzlich hochsprang, vor ihm quietschte ein Kitz in heller Not und er stieß auch ein erschrecktes „uah“ aus, der Hund auf dem Arm bellte und in dem allgemeinen Chaos sah ich ein kleines Kitz an mir vorbeihüpfen. Nach 5 Metern stürzte es sich kopfüber in ein dickes Grasbüschel und meinte wohl, damit unsichtbar zu sein. Wie ein kleines Kind beim Verstecken spielen. Schnell, schnell, der Mäherfahrer nahm schon Tempo weg, Gras ausgerissen und wieder so ein winziges Wesen, was nur aus langen Beinen und einem federleichten Körper besteht, hochgenommen und ab, über den Graben und in die andere Fläche getragen.

Dieses Kitz schrie die ganze Zeit Mord und Brand und als ich es herunter ließ, rannte es laut und empört fiepend so schnell wie der Hase vor ihm Richtung rettendem langen Gras. Wenn meine Ohren nicht im Weg gewesen wären, hätte sich mein Grinsen hinten am Kopf getroffen, so sehr freute ich mich über dieses zweite gerettete Leben. Danach fanden wir nichts mehr, so sehr wir uns auch bemühten. Leider haben wir von diesen Rettungsaktionen keine Fotos, es war Schnelligkeit angesagt, der Mäher saß uns im Nacken und die Kitze sollen auch nach Möglichkeit nur ganz kurz beim Menschen sein.

Schon während der Arbeit konnte ich beobachten, dass ein Dutzend Krähen und zwei unserer Milane, die zu mehreren Paaren bei uns im Revier brüten, hoch über der Wiese ihre Kreise zogen. Diese Aasfresser finden selbst hoch fliegend alles, was dem Mäher zum Opfer fällt.

Den besorgten Blick immer wieder nach oben gerichtet, sammelten wir unsere Habseligkeiten ein, verabschiedeten den Mäherfahrer und gingen zum Auto. Keiner aus dem Aufklärungsgeschwader machte Anstalten zu landen. Im Gegenteil. Die Milane waren schon wieder weg und die Krähen zogen nach und nach auch ab. Sehr gut, offenbar war tatsächlich kein einziger Wiesenbewohner zu Schaden gekommen an diesem Tag.

Das habe ich auch schon anders erlebt, wenn ein Bauer mal nicht Bescheid gibt, dann findet man leider immer wieder Opfer, die nicht gewarnt oder vorher gefunden werden konnten.
Das Jagdjahr 2016 hat richtig gut angefangen, denn anders als uns immer nachgesagt wird, retten wir liebend gern Tiere. Jagd besteht nicht nur aus schießen!

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/wolfratshausen/landkreis-retter-der-rehkitze-1.3001264

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