Unterhaltung mit einem Jagdgegner

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Kürzlich bei uns im Revier. Auf dem Weg nach Hause kam mir ein Mann mit nicht angeleintem Schäferhund auf dem kleinen Wirtschaftsweg entgegen. Als er meinen Wagen sah, rief er den Hund und ließ ihn neben sich sitzen. Prima, dachte ich, ein gut erzogener Hund. Sowas sieht man selten.
Ich hielt an, um ihn nett und höflich darauf anzusprechen und ihn gleichzeitig zu loben, weil sein Hund so gut erzogen sei. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, ihn auch hinzuweisen auf die jetzt beginnende Winterruhe des Rehwilds, den gedrosselten Stoffwechsel und den dadurch geringeren Nahrungsbedarf. Und dass das alles ins Ungleichgewicht kommt, wenn die ruhenden Rehe durch Hunde aufgescheucht werden, dass im Winter der dadurch immer wieder angekurbelte Futterbedarf oft nicht gedeckt werden kann…..

Wollte ich alles sagen, aber ich kam nicht mal dazu, den Mund aufzumachen…..
Mein Gegenüber polterte gleich los. Ich sei doch bestimmt die Jägerin hier (ich war in jagdgrün unterwegs, das war ja noch leicht zu erraten), er hätte schon davon gehört, dass da eine FRAU jagen würde. Das Wort FRAU spukte er aus, als wäre es eine ekelige Gräte. Und jetzt käme bestimmt eine Predigt, weil sein Hund nicht angeleint sei, aber das wäre ihm egal, denn er würde mit seinem Hund immer ohne Leine Gassi gehen und das würde sich auch nicht ändern, nur weil ich das nicht haben wolle und sein Hund sei gut erzogen und würde normalerweise nicht hinter Wild herlaufen und wenn ich drohen würde, seinen Hund zu erschießen, dann bekäme ich es mit ihm zu tun und dann würde ich mich wundern.

Dann musste er endlich Luft holen und ich bekam die Gelegenheit, auch mal etwas zu sagen 🙂
Um jeden weiteren Protest abzuwürgen, war mein erster Satz „Bei mir im Revier werden keine Haustiere geschossen! Sie brauchen keine unbegründete Angst um Ihren Hund zu haben!“ Dann hab ich mich noch kurz vorgestellt und es entspann sich ein halbstündiges Gespräch aus diesem ziemlich holprigen Anfang.

Erst war der so gar nicht unsympathische Mensch sehr aufgebracht, aufgeregt und hektisch. Er warf mir die üblichen Sachen vor: Alles abballern, was vier Beine hat, Leute gefährden, unerlaubte Fallen benutzen, angeschossenes Wild laufen lassen und so weiter. Und dann hab ich nachgebohrt, direkt nach Einzelheiten gefragt und bei den Fallen angefangen. Es stellte sich heraus, dass er zwar die zwei großen Kofferfallen kannte, die dort in der Nähe stehen, aber keine Ahnung von der Wirkweise und der Mechanik hatte. Er stellte sich vor, dass, wenn die Falle offen steht, das herabfallende Oberteil ein Tier erschlagen solle. Nach einem kurzen technischen Exkurs, vor allem mit dem Hinweis darauf, dass dies Lebendfallen seien und viel Platz für ein gefangenes Tier bieten, wurde er schon etwas entspannter.
Dann kam das Thema auf die Treibjagd, die wir Anfang November durchgeführt hatten. Komischerweise regte er sich nicht über die erlegten Hasen und Fasane auf, sondern über die vielen Jagdbeteiligten, die im Revier unterwegs gewesen waren. Das wäre doch verrückt, wenn so viele Jäger da ständig jagen würden, das permanente Rumgeballere wäre doch so gefährlich. Ich war erst sprachlos und dann machte es „Ping“
Auf meine Frage, ob er denn wohl meine, dass diese vielen Jäger STÄNDIG bei uns jagen würden, bejahte er das……aha…noch so ein Missverständnis. Kurze Erklärung, dass diese große Gruppe Jäger NUR bei der Treibjagd anwesend sei, das wären Jäger, die speziell für diesen Tag eine Einladung bekämen und sonst kein Jagdrecht hier hätten. Mein Gesprächspartner war überrascht und – ich hatte das Gefühl – auch erleichtert, dass doch nicht ständig Treibjagd ist im Revier.

Rita 1Über die Treibjagd kam das Gespräch auf die verwendete Munition.
Ja, also Schrot ist ja nur was für Jäger, die nicht schießen können, erfuhr ich dabei 🙂 Man müsse damit ja nicht ordentlich zielen, hätte er gehört!
Meine Erklärung, dass ein Schuss aus einer Büchse mit einer Hochleistungspatrone auf einen flüchtigen Hasen unverantwortlich sei und niemand dafür ein Geschoss verwenden wolle, was bis zu 3 Kilometer weit fliegt, erstaunte ihn sehr. Danach ließ er sich lang und breit einen Schrotschuss erklären, wollte wissen, wie weit denn Schrot fliegt und wie viele Kügelchen in einer Patrone sind. Die Tatsache, dass ein Hase nicht komplett durchsiebt und zermatscht wird, wenn er getroffen ist, hat ihn dann völlig sprachlos gemacht. Er hatte sich wohl irgendwelche völlig zerschossenen, als Hase nicht mehr erkennbare Treibjagdopfer vorgestellt, vielleicht auch beeinflusst durch die gängigen, aber unhaltbaren Horrormärchen aus der Jagdgegnerszene.

Rita 2Als wir soweit gesprächsmäßig gediehen waren, stellte er sich erst mal korrekt mit Namen vor, schon viel netter und hat endlich auch mal gelächelt 🙂
Er wollte dann noch viel mehr wissen, wann denn Rehe geschossen würden, ob denn Jäger wirklich so hartherzig wären und niedlichen Kitze abballern würden. Wie viele Rehe überhaupt im Revier leben würden und wie viele davon jedes Jahr erlegt werden. Auf welche Tiere wir eigentlich jagen, nur Rehe und Hasen oder wie? Und so weiter, ihm fielen etliche Fragen ein, ich hatte das Gefühl, ein Stöpsel wäre aus einem Fass gezogen worden. Endlich hatte er mal eine Jägerin am Wickel, die seine wohl offenbar brennende Neugier sozusagen aus erster Hand zufriedenstellen konnte.
Über die Fragen und Antworten kamen wir auch auf Fleischverwertung. Er erzählte, dass er durchaus Fleisch essen würde und ich konnte mir dann doch nicht die Bemerkung verkneifen, dass er dann auch nicht besser sei als ich, er würde nur einen Auftragskiller, den Schlachter die Arbeit machen lassen, während ich für mein Essen selber das fleischliefernde Tier töte. Fand er nicht so toll, aber aus diesem Blickwinkel hatte er das wohl noch nie betrachtet. Er fing aber immer wieder davon an, dass er einfach was etwas gegen die Jagd hätte, sagte dann aber auch, dass er nie im Traume auf die Idee kommen würde, Hochsitze oder Fallen zu demolieren oder in irgendeiner anderen Art die Jagd stören würde. Er wäre einfach nicht für Jagd.
Als ich ihm sagte, dass ich damit überhaupt kein Problem hätte, es könnten ja schließlich nicht alle Menschen der gleichen Meinung sein, war er perplex. Er hatte wohl mit Unverständnis oder Ablehnung bei mir gerechnet. Ich meinte dazu nur, es würde ja auch nicht jeder Mensch große Hunde lieben (mit Blick auf seinen Schäferhund, der immer noch brav ohne Leine nach der langen Zeit im engsten Umkreis um uns rum war) und andere Menschen hätte überhaupt kein Verständnis für Reiter. Man müsse einfach tolerant sein und jede Lebenseinstellung akzeptieren, auch die, die man nicht verstehen würde. Da pflichtete er mir heftig bei.
Ich fing dann irgendwann nach einer halben Stunde im kalten Novemberwind und nur in Fleecejacke arg an zu frieren. Da wir mittlerweile fast freundschaftlich im Gespräch waren, dachte ich mir um mit dem Gespräch zum Ende zu kommen und wieder ins warme Auto flüchten zu können, ich biete ihm mal an, zu Weihnachten eine Rehkeule bei mir zu kaufen. Wenn er und seine Familie doch sowieso Fleisch nicht ablehnen, könnte ich auf diesem Weg vielleicht auch noch ein bisschen Werbung für die Jagd machen.
Also, er nahm Anlauf, ich dachte, er sagt ja – und dann sagte er: “ Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich weiß, dass Wild sehr lecker ist, bei meinen Eltern gab es das öfter mal. Ich würde ja gern, aber da das so vollständig gegen meine Überzeugung wäre, muss ich Ihr Angebot leider ablehnen. Wir werden zu Weihnachten eine schöne Pute essen“
In dem Moment musste ich dann doch herzlich lachen und er auch. Wir verabschiedeten uns kurz darauf sehr nett und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Immer noch lächelnd und gleichzeitig innerlich mit dem Kopf schüttelnd. Machen sich die Menschen denn gar keine Gedanken über das, was sie essen?
Um wie viel glücklicher und freier und gesünder so ein Reh gelebt hat, bis es erlegt wurde, als eine unglückliche, unfreie Mastpute in einem Stall?
Diese Diskussion hebe ich mir auf, bis ich den netten Jagdgegner nächstes Mal wieder treffe.

Bilder: Rita Lexer, alf loidl  / pixelio.de

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Detlef Riechert

Liebe Antje, ein sooooo schönes Beispiel für so viele Dinge. Unsere Gesellschaft, Verhaltensweisen, Geisteshaltungen, Verirrungen und wie man mit solch einer Situation und dieser Art von Begegnung umgeht. Und wie man mit Menschen umgeht. Gut gemacht und gut geschrieben und gut, dass du es geschrieben hast. Danke, Antje. Wirklich super.

Detlef Riechert

Rita, kannst du mir verzeihen? Muss heißen: Liebe Rita, …., Danke, Rita. Wirklich super. Oder ganz einfach: FJD gut gemacht! Ich wünsche allen, Rita, Antje, Falk und all den anderen Mitkämpfern einen schönen Abend!

Renate

Wenn man etwas für die Jagd tun möchte, wären realistische Beiträge zum positivem Bild der Jagd wünschenswert.
Man muss nicht mit aller Macht versuchen, die Jagd zu verteidigen.
Die obige Geschichte ist dermaßen durchsichtig erfunden, daß sie jeder denkende Mensch sofort als solche entlarvt.
Hier wurde eine Chance vertan für die Jagd zu werben, es ist das Gegenteil erreicht worden.
sehr schade

Rita Lexer

Liebe Renate, auch wenn Sie es nicht glauben, das ist tatsächlich so passiert, vor gut vier Wochen in einem ostwestfälischen Revier. Ich habe bei der Begegnung kein Wortprotokoll geführt, deshalb ist das eine oder andere nur sinngemäß geschrieben, aber ganz viel ist wortwörtlich so gesagt worden.
Und ich glaube durchaus, dass ich in dieser halben Stunde etwas für das Bild der Jagd erreicht habe. Wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, wie das Gespräch angefangen hat und wie es geendet hat, dann war ich erfolgreich im Erklären der Jagd.
Denn verteidigen muss man die Jagd nicht, man muss sie erklären, Missverständnisse beseitigen, Hintergründe beleuchten und über Vorurteile reden.
Und wenn man dann Glück hat und auf jemanden trifft, der nicht einfach rumbrüllt (schon erlebt) sondern bereit ist, auch mal zuzuhören, ist schon viel gewonnen.
Mehr wollte ich gar nicht.

Detlef Riechert

Ob erfunden oder nicht, macht fast keinen Unterschied. Dieses Gespräch sagt ganz viel über unsere Gesellschaft. Und das geht weit über die Bedeutung der Jagd hinaus.