Es ist kurz nach halb eins, mittags. Genüsslich brummelnd schleicht sich mein grüner,Geländewagen einen leichten Hang empor. Eine kurze Wendung, der Rückwärtsgang knackt etwas, nun habe ich Blick ins Tal. Mit einem vertrauten “Klonk” schließt sich die Heckklappe meines etwas in die Jahre gekommenen Fahrzeugs. Die junge braunePudelpointerhündin stürmt die Wiese hinab.

12247772_861848647266682_1902430382660775732_oAbwechslung zum grauen Büroalltag. Ich bin selbständig. Freiberuflicher Softwareentwickler. Vor einigen Jahren musste ich heraus aus dem normalen Büro, Freiheit war das Ziel. Das habe ich erreicht. Ich kann sagen es geht mir gut. Ich bin sicherlich nicht reich, aber glücklich. Und ich verzichte auf einige Dinge im Leben, die anderen wichtig sein mögen.

Während die Hündin fröhlich die Wiese erkundet schwinge ich mich auf die Motorhaube und packe mein Mittagessen aus: Zwei Brote mit Wildschweinschinken. Selbst erlegt, versteht sich. Meine Blicke schweifen hinab. Grüne Wiesen, braune Äcker. Zur Linken etwas Wald, ein paar Straßen durchziehen die Wiesen.
Ich schließe die Augen. Die Sonne strahlt schön an diesem herrlichen Novemberdienstag, fast könnte man den Pullover gegen ein T-Shirt tauschen. Der leichte Wind kündigt den Winter an. Meine Gedanken kreisen.

12247923_861847740600106_5647862746809731432_oAls ich die Augen wieder öffne, blicke ich nach links. Eine Straße teilt den Acker. Hier wird nächstes Jahr wieder auf beiden Seiten Mais stehen. Es ist gefährlich dort, nicht nur fürs Wild, auch für die Autofahrer, die viel zu spät am Morgen in die Arbeit hetzen. Fast jedes Jahr muss im Wechsel zwischen den hohen Maisfeldern eine Rehgeiß ihre Kitze allein durch den Winter gehen lassen. Sie wird überfahren. Hier werde ich wohl etwas tun müssen, um die Wilddichte noch mehr zu senken.

Vor mir erstreckt sich eine große Wiese, der Senf dahinter steht kurz vor der Ernte. Davor haben die schwarzen Schweine eine deutliche Spur der Verwüstung hinterlassen. Der Bauer liegt mir damit schon länger in den Ohren. Regelmäßig bin ich abends vor Ort um zu helfen.

Weiter oben habe ich dieses Jahr in den letzten Julitagen einen alten, reifen Rehbock erlegt.Mehrere Jahre kannte ich diesen Burschen schon. In der Hochzeit der Rehe trat er in den letzten Sonnenstrahlen vor mich und interessierte sich für mein Rufen. Lange Zeit hatte er dort das Sagen. Nun ist Platz für seinen starken Nachwuchs. Er wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Ich halte inne.
Dort ziehen zwei junge, starke Kitze ihre Bahn, die Geiß steht etwas oberhalb. Diese Wiese ist eine von vielen, die jedes Jahr von uns abgesucht werden, bevor die großen breiten Mähwerke kommen. Auch heuer konnten wir dort zwei Jünglinge hinaustragen und vor dem sicheren Tod bewahren. In dieser Zeit helfen die ganze Familie, Freunde und Landwirte zusammen.

Blicke ich nach rechts sehe ich wieder eine Straße.
886059_861848053933408_4467249971335244306_oVor einigen Wochen klingelte das Telefon, als ich viel zu spät aus der Arbeit nach Hause kam und gerade die Tür hinter mir schloss. Meine Freundin hatte für uns gekocht. Die Polizei war am Apparat. Wildunfall, Reh verschwunden. Meine Freundin und ich verstehen uns blind. Dankbar für ihr Verständnis drehte ich mich wortlos um, der Hund war noch nicht einmal abgeleint, und stieg wieder in mein Auto. An der Unfallstelle traf ich eine weinende Frau. Sie zeigte auf die Stelle an der sie das Reh zuletzt gesehen hatte. Nach etwa 10 Minuten fand meine Hündin das junge Kitz. Es war bereits tot.

Der Wind wird merklich kühler. Nun bin ich doch froh um meinen Pullover. Schön dass die Winterfütterung bereits vorbereitet ist. Die Winter werden in dieser Gegend lang und hart. Durch die Fütterung vermeiden wir Schäden an den Spitzen der jungen Bäume, die zaghaft aus dem hohen Schnee schauen – oft das letzte Futter, das die Rehe noch finden.

12241104_861848340600046_2933659865435943354_oDie Hündin hat sich nicht weit vom Auto entfernt. Wir verstehen uns gut. Unzählige Stunden habe ich darin investiert, ihr das Schreiben und mir das Lesen beizubringen. Während ich arbeite schläft sie, wenn wir gemeinsam arbeiten, sind wir auf der Jagd. Jagd auf Beute, auf der Nachsuche von Wild, auf der Suche von Spuren, bereit für zukünftige Erinnerungen.

Als ich von der Motorhaube klettere, hinterlasse ich einen Kratzer im Lack. Vielleicht auch eine Erinnerung an diese schöne Mittagspause. Gleich geht es wieder ins Büro.Telefonkonferenz. Der grüne Geländewagen schlängelt sich zurück zur Hauptstraße.

Wenn manche Menschen mich sehen, denken sie vielleicht ich bin ein Sonderling. Ein Mörder. Ein Chaot. Oder ein IT-Freak mit Luxushobby. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ich habe zu Hause keinen Computer. Ich brauche keine teure Markenkleidung. Ich genieße die Freiheit und ich genieße was Freiheit genossen hat. Ich bin ehrlich zu mir und gehe ehrlich mit meiner Umwelt um. Ich übernehme Verantwortung. Ich bin Jäger.
Waidmannsheil.

Kommentare

1 Kommentar auf "Gedanken eines Jägers"

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Friedrich
Gast

Ein sehr schöner Artikel, ich kann den Autor ausgesprochen gut verstehen. Es wäre sehr hilfreich wenn mehr Jäger ihre Erfahrungen und Gedanken auf eine solche Art niederschreiben würden. Ich interessiere mich für die Jagd und möchte diese wunderschöne Leidenschaft auch bald für mich gewinnen. Immer öfter werde ich mit aggressiven Kommentaren und „Meinungen“ verschiedener Jagdgegner konfrontiert. Ich weiß diese mit Leichtigkeit abzuwehren, doch es ist immer wieder unangenehm allein gegen 4-5 Personen am Tisch das Weidwerk zu verteidigen.

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